Retro ist längst viel mehr als bloße Nostalgie – es ist ein eigener Kulturraum geworden, in dem Erinnerungen, Technikbegeisterung und mediale Aufarbeitung ineinandergreifen. Während sich ein Teil der Retro-Berichterstattung immer wieder um dieselben Ikonen dreht, sind es gerade die vermeintlichen Randthemen, die besonders spannende Geschichten erzählen. Geräte, die zwischen den großen Erfolgen standen, nicht klar scheiterten, aber auch nie den ganz großen Ruhm erlangten, verdienen einen genaueren Blick. Einer dieser Kandidaten ist der Commodore 128: ein Computer, der oft übersehen wird, obwohl er technisch beeindruckend, wirtschaftlich erfolgreich und für viele prägend war. Genau diesem System widmet sich das Podcast-Format „To be on Pod“ nun in einer außergewöhnlich konsequenten Form – als analoger Deep-Dive auf ihrer inzwischen dritten Kassette.

Der große Retro-Hype geht nun schon eine ganze Weile. Für viele war es der Release des SNES Mini, der 2017 eine regelrechte Zäsur darstellte und für reichlich Nostalgie in Mainstreamgefilden sorgte. Die Pandemie, während der bei vielen der Wunsch groß wurde, ein Stück ihrer Kindheit wieder in der eigenen Bude zu wissen, setzte dem ganzen ein Krönchen auf und die Preise auf dem Gebrauchtwarenmarkt explodierten. Natürlich gab es auch schon vorher die Wertschätzung für Retro. Auch ich holte meinen N64 bereits zu GameCube-Zeiten wieder vom Dachboden und fühlte bereits so etwas wie Retro-Vibes beim Mario-Kart-64-Battle.
Charaktere wie der Angry Video Game Nerd machten das Thema, zumindest in der nerdigen Nische, während der 2000er groß und es dämmerte langsam vielen, dass 2D-Pixelart nicht überholt ist, sondern dass gerade durch die Hardware-Limitierung große Meisterwerke geschaffen wurden.
Seither ist viel geschehen und der Markt an Retro-Medien und Indie-Entwicklern, die auf die vermeintlich alte Ästhetik vertrauen, ist unglaublich vielfältig. Konsumiert man wie unsereins viele Medien im Bereich des Retro-Gamings, dann ist es ganz normal, dass sich Themen wiederholen. Der Reiz, ein Video mit dem Titel „Top 5 der meistverkauften Retro-Spiele“ anzuklicken, verringert sich mit der Zeit verständlicherweise. Erzähl mir was Neues!
Als Retro Gaming Crew nehmen wir uns da natürlich nicht raus – auch wir müssen mit dem Innovationsdruck klarkommen, sowohl im Magazin als auch auf unserem YouTube-Kanal.
Retro ist jedenfalls noch immer quicklebendig. Ein Beweis dafür ist das Podcast-Format „To be on Pod“, das dorthin schaut, wofür sich nur eine geringe Zahl von Content-Schöpfern interessiert. Nicht nur, dass eher abwegige charismatische C64-Games behandelt werden: Es ist auch der Wille für das Graben nach tiefergehenden Fakten vorhanden und die Motivation einen so noch nicht gehörten Deep-Dive zu kreieren.
Klar, man darf die grandiosen Stay-Forever-Technikfolgen nicht übersehen sowie einige andere spezialisierte Kreative. Was Björn und Christian von „To be on Pod“ leisten, spielt aber unbedingt mit in der ersten Liga. Was sie anderen unbedingt voraushaben: sie sind, zumindest teilweise, analog. Denn ihre Besprechungen von Datasette, PlayStation oder jetzt Commodore 128 gibt es einzig und allein auf „Podcassette“.
Dank des neusten Tapes kann man etwa bei einem ersten Date damit überzeugen, dass man weiß, dass ein gewöhnlicher Commodore 128 samt Laufwerk und Monitor gute zwei bis drei Monatsgehälter verschlungen hat. Nun gut, wo man dann das neugewonnene Spezialwissen anwendet, muss man am Ende des Tages selbst herausfinden.
Der 128er: erfolgreicher als man denkt
Der Commodore 128 gilt bis heute als einer der leistungsstärksten 8-Bit-Computer, die je auf den Markt kamen – und war erfolgreicher, als man ihm oft zugesteht. Zwar litt das Gerät unter einem vergleichsweise überschaubaren Softwareangebot und wurde von vielen Nutzern hauptsächlich im C64-Modus betrieben, doch ein echter Flopp war der 128er keineswegs. Trotz der weiterhin starken Präsenz seines kleinen Bruders, des Commodore 64, verkaufte sich der Rechner millionenfach. Er erschien 1985 und positionierte sich als eine Art Zwischenschritt zwischen dem C64 und dem späteren Amiga, ohne jedoch tatsächlich die erhoffte Brücke zwischen Büro- und Heimcomputer schlagen zu können. Gegen IBM- und Apple-Systeme konnte der Commodore 128 letztlich ebenfalls keine nachhaltige Konkurrenz aufbauen. Trivia am Rande: Das Gerät spielte im Kinofilm „Peng! Du bist tot!“ mit Ingolf Lück mit. Na, wenn das nichts ist?
Aus heutiger Sicht wird der Rechner vor allem für seine Technik geschätzt. Damals top notch! Christian betont, dass der SID-Chip seinen Mitstreitern gewissermaßen überlegen war: „Hi-Fi“. Auch noch heute ermöglicht er die Programmierung komplexerer Musikstücke, der Commodore 128 spielt noch immer in der Chiptune-Szene eine Rolle.
Die Fachpresse kommt in dem Audioformat auch zu Wort: Man lobte damals vor allem die Abwärtskompatibilität zum C64 und sah den Computer als interessante Option für Nutzer, die nicht ausschließlich spielen wollten. Man sprach von drei Computern in einem: C64, Commodore 128 und der ganze Office-Bereich via CP/M-Betriebsprogramm, den man braucht, um das gute Gefühl aufkommen zu lassen, diese teure Investition nicht nur zum Spielen zu nutzen.
Auch im Podcast, dessen Hosts tatsächlich und fast ungewöhnlicherweise mit dem Commodore 128 aufgewachsen sind, wird deutlich, wie stark die persönliche Prägung durch das System war: Auch wenn in allererster Linie der C64-Mode genutzt wurde. Beide Männer schwärmen aber noch immer von der professionell anmutenden Optik des Geräts, die sich unter anderem in der üppigen Tastatur niederschlug.
Die Episode steigt sehr techniklastig ein und richtet sich zunächst eher an ein Publikum, bei dem der Nerddetektor unmittelbar Alarm schlägt. Es lockert sich aber alles im Verlauf des Talks mit zeitgenössischen Pressestimmen und biografischen Anekdoten der Moderatoren deutlich auf.
Wer es ein wenig zugänglicher mag ist mit der moderateren, ebenfalls von uns besprochenen PS1-Podcassette möglicherweise besser bedient: Unsere Empfehlung für den Einstieg in die Welt der Podcassetten. Und nicht vergessen: Die Kassette darf überspielt werden – digitalisieren ist jedoch untersagt. Amen.
Bild: Julian Gerhard
Kommentar hinterlassen

















