Remakes wollen alles neu machen. Remaster polieren dagegen nur die Oberfläche. „Dragon Quest VII Reimagined“ entscheidet sich für einen Mittelweg – vielleicht daher auch der fancy Begriff „Reimagined“. Statt das ursprüngliche Spiel komplett umzukrempeln, bleibt es seinem klassischen JRPG-Herzen treu und modernisiert gezielt dort, wo es sinnvoll ist. Das Ergebnis ist ein Abenteuer, das sich angenehm nostalgisch anfühlt, aber nicht mehr ganz so sperrig daherkommt wie früher.

Schon nach den ersten Stunden merkt man: Hier steckt ein immer noch ein riesiges Rollenspiel drin. Die Geschichte entfaltet sich nicht als ein einziger epischer Spannungsbogen, sondern eher wie eine Sammlung kleiner Erzählungen, die sich nach und nach zu einem großen Ganzen verbinden. Dieses episodische Erzählen sorgt für Abwechslung. Mal geht es emotional zu, mal märchenhaft, mal überraschend düster. Die Zeitreise-Struktur mit den Fragmenten und den „wiederhergestellten“ Inseln sorgt dabei für ein fast anthologisches Gefühl: Jede neue Insel erzählt ihre eigene kleine Geschichte, bevor sich alles langsam ins große Gesamtbild einfügt Wer sich darauf einlässt, bekommt eine lange, abwechslungsreiche Reise serviert, die locker dutzende Stunden verschlingt.

Diorama-Optik statt Pixel-Nostalgie

Die wohl auffälligste Veränderung ist die neue Optik. Statt klassischer Pixelgrafik erwartet euch eine Art Diorama-Stil: Städte, Landschaften und Dungeons wirken wie kleine, liebevoll gebaute Miniaturwelten. Das verleiht dem Spiel einen ganz eigenen Charme. Es sieht nicht hyperrealistisch aus, sondern bewusst verspielt – fast so, als würde man durch eine lebendige Modelleisenbahnlandschaft laufen. Ich persönlich mag diesen neuen Look, kann mir aber vorstellen, dass er nicht jeden Geschmack trifft.

Dragon Quest VII Kirche
Miniaturwelt mit Märchenflair: Wäre es nicht toll, eine der bekannten „Dragon Quest“-Kirchen, in denen gespeichert wird, im Bücherregal stehen zu haben?

Das Design bleibt jedoch klar als „Dragon Quest“ erkennbar. Figuren und Monster behalten ihren typischen Stil, der bekanntlich vom verstorbenen Akira Toriyama stammt, nur eben moderner und plastischer umgesetzt. Die Welt wirkt dadurch lebendiger, ohne ihren traditionellen Look zu verlieren. Das ist kein radikaler Stilbruch, sondern eher eine elegante Frischzellenkur. Gerade die Städte profitieren davon: Häuser, Plätze und selbst kleine Details wirken wie bewusst arrangierte Bühnenbilder, was der Erkundung eine fast märchenhafte Atmosphäre verleiht.

Untermalt wird das Ganze von der gewohnt stimmungsvollen Musik. Die Kompositionen tragen viel zur Atmosphäre bei und verstärken dieses Gefühl von „klassischem Abenteuer“. Man merkt: Hier wollte man kein komplett neues Erlebnis schaffen, sondern das alte in zeitgemäßer Form erlebbar machen.

Klassisches Kampfsystem mit angezogener Handbremse

Spielerisch bleibt „Dragon Quest VII Reimagined“ ein durch und durch traditionelles JRPG. Die Kämpfe laufen rundenbasiert ab. Taktik und Vorbereitung stehen im Vordergrund. Wer moderne Action-Einlagen oder spektakuläre Echtzeit-Gefechte erwartet, wird hier nicht fündig. Stattdessen gibt es strategisches Abwägen, Zauber, Fähigkeiten und das bekannte Berufungssystem, mit dem ihr eure Charaktere in verschiedene Klassen entwickeln könnt.

Dragon Quest VII Kampf
Rundenbasiert und vertraut: Strategie statt Spektakel – ganz im Stil alter JRPG-Schule. Da dürfen die bekannten Schleime natürlich nicht fehlen.

Neu im Vergleich zu früheren Versionen ist unter anderem das sogenannte „Moonlighting“-System, das es erlaubt, zwei Berufungen gleichzeitig zu nutzen und so noch variabler in der Rollenverteilung zu werden.

Für Fans klassischer Rollenspiele fühlt sich das alles insgesamt wunderbar vertraut an. Für Spieler, die an schnellere, dynamischere Systeme gewöhnt sind, kann das Kampftempo auf Dauer etwas behäbig wirken. Die Struktur ist bewusst altmodisch – was je nach Geschmack entweder charmant oder etwas repetitiv wirkt.

Zum Glück hat das Remake an den richtigen Stellen Komfort eingebaut. Gegner sind sichtbar auf der Welt unterwegs, Zufallskämpfe gehören größtenteils der Vergangenheit an. Es gibt Optionen für schnellere Kämpfe oder Automatik-Funktionen, um Grind-Phasen zu verkürzen. Das sorgt für einen deutlich flüssigeren Spielfluss als früher und nimmt dem Abenteuer einige der damaligen Geduldsproben.

Weniger Hürden, mehr Zugänglichkeit

Einer der größten Pluspunkte dieses Remakes ist seine Zugänglichkeit. Menüs sind übersichtlicher, Abläufe verständlicher, unnötige Umwege wurden reduziert. Das Spiel wirkt insgesamt entschlackt, ohne seinen Kern zu verlieren. Man spürt, dass hier bewusst modernisiert wurde, aber mit Respekt vor dem Original.

Dragon Quest VII Abenteuer
Einige Story-Inhalte wurden gänzlich gestrichen. Das Kernabenteuer bleibt aber selbstverständlich erhalten.

Gleichzeitig bedeutet diese Straffung auch, dass manche Ecken und Kanten des Originals fehlen. Einige Inhalte wurden sogar gekürzt oder angepasst, was nicht jedem Fan gefallen dürfte. Und auch der Schwierigkeitsgrad wirkt stellenweise zugänglicher. Wer das knallharte Old-School-Gefühl sucht, könnte hier etwas weniger gefordert werden als erwartet.

Trotzdem bleibt es ein großes Abenteuer. Wer alles sehen will, wird sehr viel Zeit investieren. Genau das macht auch heute noch den Reiz aus: Diese ruhige, ausladende Art von Rollenspiel ist meiner Meinung nach selten geworden.

Ein liebevoll modernisierter Klassiker

„Dragon Quest VII Reimagined“ ist kein radikaler Neustart, sondern eine respektvolle Neuinterpretation. Es bewahrt den traditionellen Kern, poliert veraltete Mechaniken auf und präsentiert das Ganze in einem charmanten neuen Look. Das Spiel fühlt sich bewusst klassisch an und steht auch dazu.

Für Fans traditioneller JRPGs ist es eine klare Empfehlung. Wer gemütliche, storygetriebene Abenteuer mit strategischen Kämpfen liebt, wird hier viele Stunden glücklich sein. Wer dagegen nach maximaler Innovation oder modernem Bombast sucht, könnte das Tempo und die Struktur als etwas zu konservativ empfinden.

Unterm Strich ist „Dragon Quest VII Reimagined“ genau das, was es sein will: Ein großes, warmherziges Rollenspiel alter Schule.

Aussehen18 / 20
Soundtrack17 / 20
Spielspaß16 / 20
Story17 / 20
Umfang18 / 20

The good

  • Großartige Diorama-Optik, die dem Spiel einen einzigartigen, lebendigen Look verleiht.
  • Massive Welt mit vielen Episoden: Jede Insel erzählt ihre eigene kleine Geschichte.
  • Zahlreiche Komfort-Verbesserungen, wie Sichtbare Gegner oder schnellere Kämpfe.

The bad

  • Der Einstieg kann weiterhin zäh wirken: Obwohl der Anfang kürzer und zugänglicher als im Original ist.
  • Teilweise konservative Präsentation & Struktur: Wer moderne JRPG-Standards erwartet, könnte das Spiel als behäbig empfinden.

Bilder: Square Enix, Retro Gaming Crew

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