Eigentlich ist „Rune Factory: Guardians of Azuma“ kein neues Spiel mehr. Bereits im Juni 2025 erschien der Titel für Switch und PC, nun einige Monate später, dürfen auch PS5- und Xbox-Series-X/S-Spieler nach Azuma reisen. Doch ganz unabhängig vom Plattformwechsel steht die Reihe selbst für eine lange Geschichte: Seit ihrem Debüt auf dem Nintendo DS Mitte der 2000er hat sich „Rune Factory“ vom „Harvest Moon“-Spin-off zu einer eigenständigen Marke entwickelt. Die Frage ist also nicht nur, wie sich der neueste Ableger auf den zusätzlichen Konsolen schlägt, sondern auch, wo er im mittlerweile fast zwei Jahrzehnte alten Serienerbe einzuordnen ist.
Die „Rune Factory“-Reihe war schon immer dieser charmante Hybrid aus Farming-Simulation, Action-RPG und Dating-Spielerei. Wer mit „Harvest Moon“ oder den „Story of Seasons“-Teilen groß geworden ist, weiß, wie befriedigend es sein kann, digital Rüben zu gießen. Der klassische JRPG-Aspekt in den „Rune Factory“-Teilen rundete allerdings das Ergebnis für mich zumindest immer perfekt ab. „Guardians of Azuma“ greift genau dieses Prinzip auf, verändert aber gleichzeitig mehr, als man zunächst denkt. Das Ergebnis ist eines der rundesten Serienkapitel der letzten Jahre – mit ein paar kleinen Schönheitsfehlern.
Mehr Aufbau, weniger Acker
Die wohl größte Veränderung gegenüber früheren Teilen liegt im Fokus auf Dorf- und Gebietsmanagement. Natürlich bestellt ihr weiterhin Felder, pflanzt Gemüse an und kümmert euch um die Natur. Doch diesmal geht es nicht nur um euren kleinen Hof, sondern um gleich mehrere Dörfer, die unter einer mysteriösen Verderbnis leiden. Als sogenannter Earth Dancer zieht ihr los, um das Land zu reinigen und neues Leben zu bringen.

Das klingt pathetisch, fühlt sich im Spiel aber angenehm motivierend an. Ihr baut Gebäude, platziert Werkstätten, weist Bewohnern Aufgaben zu und sorgt dafür, dass die Wirtschaft wieder ins Rollen kommt. Dieser Aufbau-Aspekt ist deutlich stärker ausgeprägt als in älteren Teilen. Wer früher jede einzelne Saat selbst per Hand gesetzt hat, wird merken, dass vieles nun komfortabler geregelt ist. Dorfbewohner übernehmen Aufgaben, Prozesse laufen automatisierter ab, und das Spiel nimmt euch mehr Mikroarbeit ab.
Das ist Fluch und Segen zugleich. Einerseits entsteht ein angenehmer Flow, der nie in Stress ausartet. Andererseits fehlt stellenweise dieses befriedigende Gefühl, alles selbst kontrolliert zu haben. Fans, die noch die Tage kannten, an denen jede Energieeinheit hart erarbeitet war, könnten das als zu komfortabel empfinden. Dennoch funktioniert das System im Gesamtgefüge erstaunlich gut und sorgt dafür, dass Azuma sich wirklich wie eine wachsende Welt anfühlt.
Kämpfen ohne große Hürden
Natürlich wäre „Rune Factory“ nicht „Rune Factory“ ohne Dungeons und Monster. Auch in „Guardians of Azuma“ schwingt ihr Schwerter, nutzt Magie und kämpft euch durch verschiedene Gebiete, um die Verderbnis zurückzudrängen. Das Kampfsystem läuft in Echtzeit, fühlt sich flüssig an und bietet verschiedene Waffenarten, die sich angenehm unterscheiden.

Allerdings muss man ehrlich sagen: Anspruchsvoll ist das alles selten. Selbst auf höheren Schwierigkeitsgraden bleiben viele Gefechte überschaubar. Gegner verzeihen Fehler, Bosskämpfe sind mehr Spektakel als echte Prüfungen, und wer halbwegs ausgerüstet ist, kommt gut durch. Das ist kein Problem für Spieler, die primär entspannen wollen und davon dürfte es im Cozy-Game-Segment einige geben. Doch wer sich nach fordernden Dungeon-Runs sehnt, wird hier nicht ganz glücklich.
Interessanterweise passt diese „Zahmheit“ aber zum Gesamtkonzept. „Guardians of Azuma“ will kein „Dark Souls“-Abkömmling sein, sondern eine Mischung aus Lebenssimulation und Abenteuer. Der Kampf ist ein Baustein, nicht das Herzstück. Und als solcher erfüllt er seinen Zweck solide, wenn auch ohne große Überraschungen.
Beziehungen, Charme und ein typisches JRPG-Gefühl
Was die Reihe schon immer ausgezeichnet hat, ist ihr Herz. Auch in „Azuma“ trefft ihr auf eine Vielzahl an Charakteren, die nicht nur hübsche Anime-Gesichter sind, sondern kleine Eigenheiten und Hintergrundgeschichten mitbringen. Gespräche sind charmant geschrieben, manchmal leicht überdreht, aber selten belanglos.

Wie gewohnt könnt ihr Freundschaften vertiefen, Romanzen eingehen und sogar eine Familie gründen. Das Ganze wirkt organisch ins Spiel integriert und nicht wie ein loses Feature, das man nebenbei abarbeitet. Gerade hier zeigt sich, warum „Rune Factory“ seit Jahren eine treue Fangemeinde hat. Es geht nicht nur um Loot und Level, sondern um Bindung.
Für mich ist das besonders interessant: Während viele alte Genre-Vertreter Beziehungen eher rudimentär behandelten, zeigt sich hier, wie sehr sich das Genre weiterentwickelt hat. Gleichzeitig bleibt dieser klassische JRPG-Charme erhalten – inklusive leicht pathetischer Storybeats, emotionaler Musik und Figuren, die irgendwo zwischen Klischee und liebenswertem Archetyp pendeln.
PS5-Version: Technisch sauber
Bleibt die Frage, ob sich das Warten auf die PS5- bzw. Xbox-Series-X/S-Version gelohnt hat. Ich habe das Spiel auf der PlayStation gespielt und muss sagen: Technisch läuft „Guardians of Azuma“ auf Sonys Konsole rund. Ladezeiten sind kurz, die Framerate bleibt stabil, und das Bild ist angenehm scharf. Wer von einer schwächeren Plattform kommt, wird den Unterschied merken.
Was allerdings fehlt, sind echte Aha-Momente. Die DualSense-Features werden genutzt, aber eher dezent. Haptisches Feedback ist vorhanden, reißt aber niemanden vom Hocker. Auch grafisch gibt es keine drastischen Upgrades gegenüber anderen Versionen. Es ist ein sauberer Port, vermutlich die komfortabelste Konsolenfassung, aber eben kein technischer Meilenstein.
Immerhin: Alle bisher erschienenen Inhalte sind direkt enthalten, sodass PS5-Spieler die kompletteste Variante bekommen. Wer das Spiel noch gar nicht kennt, erhält hier also die definitive Fassung. Wer allerdings schon auf einer anderen Plattform hunderte Stunden investiert hat, bekommt keinen zwingenden Grund für einen erneuten Durchlauf.
Eine runde Sache
„Rune Factory: Guardians of Azuma“ ist kein radikaler Neuanfang, aber ein sehr stimmiges Gesamtpaket. Der stärkere Fokus auf Dorfentwicklung, das angenehm flüssige Kampfsystem und die charmanten Figuren sorgen dafür, dass man sich schnell in Azuma verliert. Gleichzeitig ist das Spiel zugänglicher und weniger fordernd als frühere Genre-Vertreter, was nicht jedem gefallen wird.

Für PS5-Spieler, die eine Mischung aus Farming, Rollenspiel und entspanntem Aufbau suchen, ist das hier eine klare Empfehlung. Retro-Puristen könnten sich etwas mehr Tiefgang und Herausforderung wünschen, werden aber dennoch viele vertraute Elemente entdecken, die an die goldenen Zeiten der Lebenssimulation erinnern.
Unterm Strich ist „Guardians of Azuma“ vielleicht kein revolutionärer Meilenstein, aber eines der stärkeren Kapitel der Reihe und auf der PS5 eine technisch saubere, angenehm spielbare Version, die vor allem eines bietet: viele, viele gemütliche Stunden in einer Welt, die man nur ungern wieder verlässt.
The good
- Der Mix aus Farming, Dorfmanagement und Action-RPG greift nahtlos ineinander.
- Das japanisch angehauchte Setting bringt frischen Wind in die Reihe.
- Sauberer PS5-Port mit kurzen Ladezeiten und stabiler Performance.
The bad
- Der Schwierigkeitsgrad ist insgesamt sehr niedrig.
- Die Story bleibt solide, aber wenig überraschend.
Bilder: Marvelous
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