Wenn es einen Entwickler gibt, der vor allem für gelungene Kampfspiele steht, dann ist das Arc System Works. „Guilty Gear“, „BlazBlue“, „Dragon Ball FighterZ“ – die Liste mit bekannten Kampfspielreihen ist ewig lang. Marvel als IP ist dagegen neu. Wir Retro-Spieler denken bei Captain America, Spider-Man und den X-Men in Kombination mit dem Genre Kampfspiel direkt an Capcoms „Marvel vs. Capcom“-Reihe und Konsorten. Arc System Works hat mit „Marvel Tōkon: Fighting Souls“ jedoch ein Fighting Game gezaubert, das ausschließlich auf Helden und Schurken des bekannten Comic-Universums setzt, ganz ohne Crossover. Wir haben uns das Spektakel mal angeschaut.
Die Erde in den Marvel Comics hat ja schon so einige Invasionen hinter sich. Ob Thanos, Galactus oder Ultron – sie alle hatten ihre eigenen Beweggründe. In „Marvel Tōkon: Fighting Souls“ bekommen es unsere Helden mit dem Champion zu tun. Und der „Schurke“, wenn man ihn so überhaupt bezeichnen kann, ist leider genauso spannend, wie sein Name es vermittelt. Der hat eher was von einem „Dragon Ball Z“-Schurken als einem Marvel-Titanen. Denn er sucht Planeten ab, um starke Gegner zu finden, die ihm das Wasser reichen können. Unterliegen sie ihm, ist der Planet Geschichte.
Doch statt einfach auf dem Planeten zu landen und eine Massenschlägerei anzufangen, veranstaltet der Champion mithilfe seiner Assistentin, der sogenannten „Promoter“, ein Turnier. Die Helden, und auch Schurken, müssen sich dementsprechend zu Teams aus vier Personen zusammenschließen, um überhaupt teilnehmen zu können. Anschließend treten sie gegeneinander an und das stärkste Team darf sich dann an dem Champion versuchen. Es winkt sogar ein Preis in Form eines Wunsches (Shenlong lässt grüßen). Insgesamt ist die Prämisse ziemlich hanebüchen. Schön ist aber, dass alle fünf Teams einen eigenen Story-Mode haben, der via Comic erzählt wird und jeweils einen eigenen Zeichenstil spendiert bekommen hat. Zudem sind die Abenteuer allesamt komplett auf Deutsch vertont. Wirklich durchdachte Geschichten solltet ihr hier allerdings nicht erwarten.
Avengers Assemble!
Es ist also nicht verwunderlich, dass „Marvel Tōkon: Fighting Souls“ nicht auf 1-gegen-1-Kämpfe, sondern auf Team-Kämpfe setzt. Ihr wählt vier Helden oder Schurken für euer Team aus und schickt sie gemeinsam in den Kampf. Dabei teilen sie sich eine Gesundheitsleiste und können im Kampf ausgetauscht werden oder einfach als Support-Charaktere den Gegner etwas nerven. Habt ihr genügend Energie in eurer Ultimate Gauge gesammelt, dürft ihr sogar einen verheerenden Tōkon Assemble ausführen, bei dem jedes Teammitglied beteiligt ist und am Ende ein spektakulärer Super-Angriff folgt.

Interessant ist zudem, dass in den Standard-Fights nicht alle Helden sofort abrufbar sind. Ihr schaltet sie erst nach und nach frei, etwa durch Stage-Transitions oder bestimmte Ereignisse während des Matches. Das komplette Team steht euch somit erst gegen Ende des Kampfes zur Verfügung. Das Assist- und Assemble-System sorgt insgesamt dafür, dass „Tōkon“ sich nicht einfach wie ein „Marvel vs. Capcom“- oder „Dragon Ball FighterZ“-Klon anfühlt.
Einfach draufhauen? Nicht ganz!
Beim eigentlichen Kampfsystem merkt man schnell, dass Arc System Works versucht, gleich zwei Zielgruppen unter einen Hut zu bekommen. Die grundlegenden Eingaben sind angenehm simpel gehalten, Spezialangriffe lassen sich unkompliziert ausführen und auch erste Combos bekommt man schnell hin. Wer einfach nur ein paar Runden mit Freunden kloppen möchte, muss also nicht erst einen VHS-Kurs in Sachen Viertelkreisbewegungen absolvieren. Gleichzeitig steckt unter der zugänglichen Oberfläche deutlich mehr. Assists müssen im richtigen Moment eingesetzt, Charakterwechsel geplant und die Eigenheiten der einzelnen Kämpfer verstanden werden.

Und die spielen sich tatsächlich erfreulich unterschiedlich. Hulk ist eben Hulk und prügelt mit der Eleganz eines herabfallenden Kühlschranks auf seine Gegner ein, während Spider-Man wesentlich flinker über den Bildschirm turnt und Wolverine seinem Gegenüber am liebsten direkt auf die Pelle rückt. Dadurch lohnt es sich, mit verschiedenen Team-Zusammenstellungen zu experimentieren. Erfahrene Spieler könnten sich allerdings am Combo-System stören, das der eigenen Kreativität früher Grenzen setzt als etwa „Ultimate Marvel vs. Capcom 3“. Dafür ist die Einstiegshürde wesentlich niedriger.
Wenn vier Superhelden nicht genug sind
Auf dem Bildschirm kann ganz schön was los sein. Zwei aktive Kämpfer, Assists, Spezialangriffe und jede Menge Partikeleffekte sorgen regelmäßig für ein ordentliches Effektgewitter. Das sieht fantastisch aus, kann aber gerade am Anfang auch ziemlich unübersichtlich werden. Manchmal weiß man für einen kurzen Moment nicht, ob man gerade selbst den Gegner verprügelt oder eigentlich schon seit drei Sekunden dessen Combo bewundert.

Optisch gehört „Marvel Tōkon: Fighting Souls“ dafür zum Besten, was das Genre aktuell zu bieten hat. Arc System Works versteht es wie kaum ein anderes Studio, 3D-Modelle wie handgezeichnete Figuren aussehen zu lassen. Die Mischung aus Marvel-Comic und Anime funktioniert hervorragend und gerade bei den Ultimate-Angriffen fährt das Spiel richtig auf. Auch die Arenen können sich sehen lassen und sind dank der Stage-Transitions sogar spielerisch relevant, da ihr dadurch weitere Teammitglieder freischaltet.
Training für angehende Helden
Wer mit all den Mechaniken zunächst überfordert ist, bekommt glücklicherweise genügend Möglichkeiten zum Üben. Neben einem klassischen Trainingsmodus gibt es zahlreiche Lektionen und Herausforderungen, die euch die verschiedenen Systeme näherbringen. Dabei beschränkt sich das Spiel nicht nur darauf, euch ellenlange Tastenkombinationen vor die Nase zu setzen, die ihr anschließend stumpf nachdrücken sollt.

Gerade die weiterführenden Aufgaben motivieren dazu, selbst mit den Mechaniken herumzuspielen. Wie komme ich aus einer bestimmten Situation heraus? Welcher Assist eignet sich hier? Wie kann ich meine Combo verlängern? Dadurch merkt man schnell, dass sich Arc System Works Gedanken darüber gemacht hat, Neulinge nicht direkt an der Eingangstür wieder zu verlieren. Erste Erfolgserlebnisse stellen sich schnell ein, bis man wirklich alle Feinheiten verstanden hat, dauert es aber natürlich etwas länger.
Alleine gegen den Rest der Welt
Neben den fünf bereits erwähnten Story-Kampagnen gibt es auch abseits der normalen Kämpfe ein bisschen was zu tun. Im Survival-Modus prügelt ihr euch durch immer neue Gegner, während Arcadia Rumble mit seinen kleinen Chibi-Avataren eher in Richtung Party-Modus geht. Dazu kommen die üblichen Trainings- und Herausforderungsmodi. Wer allerdings auf einen riesigen Story-Modus wie in einem „Mortal Kombat“ hofft, schaut etwas in die Röhre.

Das Herzstück sind ohnehin die Kämpfe gegen andere Spieler. Gegen menschliche Gegner werden Assists, Wechsel und die Zusammensetzung des eigenen Teams plötzlich wesentlich wichtiger als gegen die KI. Hier kann „Tōkon“ seine Stärken voll ausspielen und dürfte vor allem diejenigen langfristig beschäftigen, die bereit sind, sich intensiver mit den Mechaniken auseinanderzusetzen. Ich hatte in unserem Test keine Probleme mit Online-Matches. Auf dem PC scheint es dagegen diverse Probleme zu geben, zu denen ich aber nichts sagen kann, da ich die PlayStation-5-Version gespielt habe.
Was auf die Ohren
Nicht nur optisch fährt Arc System Works ordentlich auf. Besonders erfreulich ist die komplett deutsche Sprachausgabe, die sich nicht nur auf die Kämpfe beschränkt, sondern auch die Story-Sequenzen umfasst. Das ist alles andere als selbstverständlich. Natürlich wird nicht jede Stimme jedem Marvel-Fan gefallen – schließlich haben wir mittlerweile durch Filme, Serien und andere Spiele ziemlich genaue Vorstellungen davon, wie Iron Man oder Deadpool klingen sollen. Insgesamt kann sich die Vertonung aber hören lassen.

Auch während der Kämpfe geht es akustisch ordentlich zur Sache. Schläge krachen, Charaktere kommentieren das Geschehen und die großen Spezialangriffe bekommen auch auf die Ohren die nötige Wucht spendiert. Zusammen mit der ohnehin hervorragenden Optik trägt das einen großen Teil dazu bei, dass sich die Auseinandersetzungen tatsächlich wie kleine Marvel-Schlachten anfühlen.
Heldenhafter Einstand
„Marvel Tōkon: Fighting Souls“ macht vieles anders, als wir zunächst erwartet hätten. Statt einfach „Dragon Ball FighterZ“ mit Spider-Man und Captain America zu bauen oder Capcoms alte „Marvel vs. Capcom“-Formel zu kopieren, hat Arc System Works ein eigenes Team-System entwickelt. Assists, Charakterwechsel, Stage-Transitions und der spektakuläre Tōkon Assemble sorgen dafür, dass sich während eines Matches ständig neue Möglichkeiten ergeben. Gleichzeitig ist das Kampfsystem zugänglich genug für Neulinge, während Profis sich allerdings an den etwas enger gesteckten Combo-Grenzen stören könnten.
Optisch gibt es kaum etwas zu meckern. Die Mischung aus Marvel-Comic und Anime funktioniert hervorragend und insbesondere die großen Spezialangriffe gehören zum Spektakulärsten, was das Genre aktuell zu bieten hat. Die Geschichte rund um den Champion wird zwar niemanden nachts wachhalten und auch beim Umfang sollten Einzelspieler keine Wunder erwarten. Wer jedoch hauptsächlich wegen der Kämpfe kommt und Lust darauf hat, sich sein eigenes Viererteam aus Marvel-Helden und -Schurken zusammenzustellen, bekommt ein verdammt spaßiges Kampfspiel.
The good
- Die fantastische Mischung aus Marvel-Comic und Anime sorgt für eine beeindruckende Optik.
- Das Kampfsystem ist einsteigerfreundlich und bietet gleichzeitig genügend taktische Tiefe.
- Das Viererteam-System mit Assists und Charakterwechseln sorgt für abwechslungsreiche Kämpfe.
The bad
- Die wenig spannende und ziemlich hanebüchene Geschichte kann nicht wirklich überzeugen.
- Für reine Einzelspieler fällt der Umfang insgesamt etwas überschaubar aus.
Bilder: Sony Interactive Entertainment, Retro Gaming Crew
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