Gastartikel
Wer Sammlungen aufkauft, lernt ziemlich schnell etwas, das dem eigenen Bauchgefühl widerspricht. Der Stapel, der nach Geld aussieht, ist es meistens nicht. Und das Teil, das jemand fast in den Restmüll geworfen hätte, manchmal schon. Ich mache das seit Ende 2024 alleine, inzwischen sind rund 750 Sachen durch meine Hände gegangen, und dieser eine Reflex hat sich bei mir komplett gedreht. Ich fange eine Kiste nicht mehr oben an, wo die glänzenden Dinge liegen. Ich fange unten an. Hier ein paar Funde, die genau diese Regel jedes Mal aufs Neue beweisen.
Der Aufkleber, der den Preis verdoppelt
Zwei PlayStation 3, beide schwarz, beide dick, beide sehen aus wie dasselbe Gerät. Für den Verkäufer waren es zwei gleiche Konsolen. Der ganze Unterschied stand auf einem winzigen Aufkleber an der Unterseite. Die eine war eine frühe 60-GB-Phat, die andere ein späteres Modell. Nur die frühe spielt hier in Europa auch noch PlayStation-2-Discs ab, und zwar über eine
Software-Emulation. Bei den späteren Modellen fiel das weg, bei den Slims sowieso. Und genau das ist für einen bestimmten Teil der Käufer der einzige Grund, überhaupt eine PS3 anzufassen. Von außen null Unterschied, der Wert steckt komplett in einer Zahl, die man kennen muss. So etwas meine ich mit kuriosem Fund: Das Gerät schreit nicht, dass es besonders ist. Es flüstert es, und nur an einer Stelle.

Zwei GameCubes, ein unsichtbarer Graben
Dasselbe Spiel bei Nintendos Würfel. Es gibt eine frühe Revision mit einem digitalen Videoausgang hinten und eine spätere, bei der genau dieser Anschluss wegrationalisiert wurde, die DOL-001 gegen die DOL-101. Nebeneinander sieht man keinen Unterschied, man muss die Konsole erst umdrehen. Preislich liegen trotzdem Welten dazwischen, weil die eine Variante für Bildpuristen interessant ist und die andere einfach eine nette Konsole. Ich habe schon Bündel gekauft, in denen der Verkäufer ausgerechnet die spannendere von beiden als Beilage betrachtet hat. Für ihn war es Zubehör, für den Markt war es der eigentliche Grund, die Kiste anzufassen.
Drei Buchstaben, die alles ändern
Manchmal steckt der Unterschied nicht in der Konsole, sondern in einem kurzen Kürzel hinten am Modul. Zwei Spiele können im Regal absolut identisch aussehen und trotzdem nicht dasselbe Produkt sein, weil das eine für den deutschen Massenmarkt gepresst wurde und das andere für ein kleineres Land. Die deutsche Ware liegt überall herum, entsprechend günstig ist sie. Aber zwischen der gewohnten Massenware liegt in einer niederländischen Kiste plötzlich ein Modul mit HOL- oder FAH-Suffix, und das ist auf einmal deutlich seltener als sein optischer Zwilling. Der Verkäufer weiß es fast nie, mir fällt es nur auf, weil ich mir angewöhnt habe, auf diese drei Buchstaben zu gucken statt auf das Cover. Herkunft ist unsichtbar, bis sie einem einmal auffällt.

Wenn das Schnäppchen keins ist
Jetzt andersherum, denn der glänzende Stapel lügt in beide Richtungen. Manchmal liegt da ein Haufen Module, alle mit demselben beliebten Titel, alle auffällig günstig, und der Verkäufer freut sich, dass er so viele davon hat. Genau da werde ich vorsichtig. In der Szene gilt eine simple Faustregel: Ein dramatisch niedriger Preis ist erstmal ein Verdacht, kein Geschenk. Das mit Abstand am häufigsten nachgemachte Segment, das bei mir landet, ist Pokémon. Kein anderes Franchise wird so konsequent kopiert, und das schon so lange, dass manche Nachbauten selbst wieder alt und vergilbt sind. Dazu kommen Multi-Cart-Module, auf denen dreihundert Spiele stecken und die trotzdem als einzelnes Originalspiel angeboten werden. Was hier teuer und begehrt aussieht, ist manchmal das Wertloseste in der ganzen Kiste.
Die umgebaute Konsole als blinder Passagier
In fast jedem größeren Konvolut steckt heute mindestens ein Gerät, an dem schon jemand gelötet hat. Ein Modchip, ein optisches Laufwerk, das gegen einen Emulator getauscht wurde, ein zusätzlicher Schalter, den keiner erwähnt. Oft weiß der Verkäufer selbst nichts davon, weil ein Vorbesitzer das gemacht hat und das Ding seit Jahren als ganz normale Konsole in der Ecke stand. Das ist kein Weltuntergang, im Gegenteil, viele dieser Umbauten entstanden aus reinem Erhaltungsgedanken, weil optische Laufwerke Verschleißteile sind und irgendwann keine Disc mehr lesen. Aber es verändert, was das Gerät ist, und gehört beim Weiterverkauf ehrlich dazugesagt. Der Punkt fürs Thema: Auch das ist ein Fund, den man nur macht, wenn man die Konsole aufschraubt, statt sie nur einzuschalten.
Das fast Weggeworfene
Mein liebster Typ Fund ist der, bei dem der Verkäufer sich fast entschuldigt. Irgendwo ganz unten, zwischen losen Steckern und leeren Hüllen, liegt plötzlich ein vollständiges Exemplar. Schachtel, Anleitung, die kleinen Beilagen, die fast immer als Erstes verloren gehen, alles da, so als hätte es jemand gestern gekauft. Komplett im Karton ist auf dem Markt oft ein Vielfaches einer nackten Version wert, und trotzdem taucht so etwas fast nie im schönen, aufgeräumten Teil einer Sammlung auf, sondern im Chaos. Der Klassiker ist das Stück, das jemand beim Aussortieren fast weggeworfen hätte, weil er dachte, das sei auch nur so ein altes Spiel. Die ordentlichen Regale sind selten die Überraschung. Die Wühlkiste ist es.

Der Markt hat sich sortiert
Zum Schluss eine ehrliche Einordnung, weil sie zu all dem passt. Die verrückten Preise der letzten Jahre haben sich abgekühlt, die spekulative Spitze ist raus, und das ist gesund. Was heute wieder zählt, ist Zustand, Vollständigkeit und echte Seltenheit statt einer angesagten Schlagzeile. Man merkt es auch am günstigen Ende: Eine Xbox 360 ist gerade einer der billigsten Wege überhaupt in eine ganze Konsolengeneration hinein, weil schlicht wahnsinnig viele davon gebaut wurden. Und trotzdem stecken auch in solchen Bündeln manchmal die interessanteren Teile. Im Schnitt gehen bei mir rund siebzehn Spiele pro Konsole durch die Hände, und das Muster wiederholt sich fast jedes Mal: Der Wert sitzt selten da, wo man ihn auf den ersten Blick vermutet. Am spannendsten ist die Lücke im Kopf mancher Verkäufer, die noch mit den Höchstständen von damals rechnen, während der Markt längst nüchterner geworden ist. Genau dort, zwischen dem, was jemand zu haben glaubt, und dem, was wirklich im Karton liegt, passieren die kuriosesten Funde. Und ehrlich gesagt hoffe ich, dass mich das noch eine ganze Weile so überrascht. 🙂
Emilio betreibt RetroSoulsBorne (retrosoulsborne.nl), einen niederländischen Webshop für originale PAL-Retrogames und -Konsolen von Nintendo, Sony und Microsoft. Seit Dezember 2024 kauft er als Einzelkämpfer Sammlungen auf, testet, reinigt, fotografiert und verkauft sie weiter.
Habt ihr beim Stöbern in alten Spielesammlungen auch schon überraschende oder kuriose Funde gemacht? Schreibt uns eure besten Entdeckungen in die Kommentare!
Bilder: RetroSoulsBorne
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