Eines der Spiele, auf die ich mich dieses Jahr am meisten gefreut hatte, war „Fire Emblem: Fortune’s Weave“. Das soll schon was heißen, wenn man bedenkt, dass dieses Jahr noch „GTA VI“ erscheint. Aber die Reihe, die gekonnt Rundenstrategie mit JRPG-Elementen paart, gehört zu meinen All-Time-Favorites. Logisch, dass ich zum neuesten Teil also eine Review schreiben muss. Wie mir „Fortune’s Weave“ gefällt, erfahrt ihr in meinem Test.

Als klar wurde, dass „Fire Emblem: Fortune’s Weave“ in derselben Welt wie „Fire Emblem: Three Houses“ spielt, war ich direkt Feuer und Flamme – bietet der Teil doch eine der ausgeklügeltsten Geschichten der Reihe. Dass wir Fans uns nach spannenden Handlungen und nicht nur nach gutem Gameplay sehnen, dürfte der Entwickler Intelligent Systems nach dem Release des letzten Teils, „Fire Emblem Engage“, gemerkt haben. Neben mir waren zahlreiche weitere Fans enttäuscht. Eines vorweg: Mit „Fire Emblem: Fortune’s Weave“ geht man in eine komplett andere Richtung. Die Welt, die Handlung und die Charaktere sind komplex und durchdacht. Ganze vier bzw. fünf Protagonisten werden uns geboten. Zu viel des Guten?

Was passiert hier eigentlich?dann

Bevor ihr eine der vier Routen des Games spielen dürft, werdet ihr mit einem selbst erstellten Avatar in eine dystopische Zukunft geworfen. Alles liegt in Schutt und Asche und ihr sollt der Heilsbringer sein. Wer ihr aber genau seid, bleibt recht kryptisch. Genauso wie das, was hier eigentlich vor sich geht. Aber gut, das klärt sich bestimmt später auf. Überrascht war ich anfangs von diversen Sci-Fi-Aspekten, die ich so in einem „Fire Emblem“ nicht erwartet hätte. Umso stärker war mein Drang, mehr zu erfahren. Doch schon nach kurzer Zeit müsst ihr euch von eurem Avatar verabschieden und einen der erwähnten Pfade wählen, um so die Vergangenheit zu verändern und Verbündete für die kaputte Zukunft zu gewinnen.

Avatar vor den vier Säulen.
Vier Pfade stehen euch zur Auswahl. Jeder mit einer eigenen Story.

Zur Auswahl stehen euch dabei der junge Cai, der hübsche Alucard – äh, ich meine Dietrich –, die majestätische Theodora und die rachsüchtige Leda. Übrigens könnt ihr auch alle ignorieren und euch dem Endboss direkt alleine stellen, aber das ist nicht zu empfehlen. Ihr verpasst einiges an Story und bekommt ziemlich auf den Sack. Jedenfalls hatte ich mich als Erstes für Dietrich entschieden. Allerdings fühlte ich mich etwas in die Story reingeworfen und wurde auch nach Stunden nicht wirklich schlau daraus, was hier eigentlich passiert. Es werden Begriffe in den Raum geworfen, die ich zuvor noch nie gehört habe. Was ich verstanden habe: Im Mittelpunkt stehen die sogenannten Heroen-Spiele. Im Grunde eine Art Turnier mit Gladiatorenkämpfen. Der Sieger bekommt am Ende einen Wunsch erfüllt und alle vier Protagonisten scheinen ihre eigenen Beweggründe zu haben, daran teilzunehmen. Im Laufe des Spiels werden ihre Geschichten schließlich miteinander verwoben – daher „Fortune’s Weave“.

Ich bin überfordert

Doch nicht nur die Geschichte bzw. die Geschichten kommen komplex daher. Das Gameplay hat mich zunächst ebenfalls etwas überfordert – vielleicht werde ich auch einfach alt. Klassische Rundenstrategie-Kämpfe erwarten euch in „Fortune’s Weave“ natürlich auch, also keine Sorge. Doch drumherum gibt es massig zu tun. Ähnliches kennt man ja bereits aus „Three Houses“, bei dem man sich abseits der Kämpfe um seine Schüler kümmerte und Beziehungen pflegte. „Fortune’s Weave“ legt aber noch mal eine Schippe drauf. In der Hauptstadt Dagsion stehen euch zahlreiche Freizeitaktivitäten zur Verfügung: Vom gemeinsamen Essen mit Freunden über Tempelarbeiten bis hin zum Streicheln eines Vogels ist einiges dabei. Hinzu kommt noch die riesige Weltkarte, die ihr nach und nach erkundet.

Weltkarte in Dagda.
Die Weltkarte ist nett, aber nimmt einen ziemlich großen Teil der Zeit ein.

Und genau das ist für mich der Knackpunkt. Zwischen den Hauptstory-Kämpfen seid ihr meist damit beschäftigt, rumzulaufen, Zeug zu sammeln, Beziehungen zu pflegen oder sogar Dungeons zu erkunden. Letztere bieten euch zwar auch Kämpfe, doch diese ähneln eher klassischen JRPG-Kämpfen. Während ihr auf der Weltkarte umherreist, begegnet ihr hier und da ebenfalls Feinden, aber diese Auseinandersetzungen fallen recht klein und unspektakulär aus – zumal sich viele Gegnertypen wiederholen. Ich habe einiges an Zeit gebraucht, um mich an die verschiedenen Mechaniken zu gewöhnen, und bis zum Schluss hatte ich ständig dieses Gefühl von: „Ich würde jetzt eigentlich gerne wieder eine Fire-Emblem-typische Schlacht austragen.“ Ja, ihr dürft auch direkt zu diesen Kämpfen skippen, aber das wäre ja nicht Sinn der Sache.

Taktik-Finesse

Glücklicherweise bleiben die angesprochenen Kämpfe das Highlight der Reihe. Die vielen Klassen, Spezialfähigkeiten und taktischen Möglichkeiten sind grandios. Gerade die unterschiedlichen Protagonisten mit ihren sogenannten Brandtechniken sorgen für spielerische Abwechslung. Zudem wurde das klassische Waffendreieck verändert. Beispielsweise bieten Schwerter nun Vorteile bei Folgeangriffen und Lanzen sind effektiv gegen Reiter. Besonders wichtig: Die Schlachten sind abwechslungsreicher, da häufig unterschiedliche Schlachtziele erfüllt werden müssen, abseits vom typischen „Besiege den gegnerischen Anführer“.

Esmeralda auf Reittier
Fire-Emblem-typisch dürfen verschiedene Klassen, zu denen eure Einheiten aufsteigen können, nicht fehlen.

Dadurch müsst ihr eure Strategie immer wieder anpassen und könnt euch nicht einfach auf eine bewährte Taktik verlassen. Auch die Positionierung eurer Einheiten spielt weiterhin eine entscheidende Rolle. Wer seine Truppen unüberlegt nach vorne schickt, wird gerade auf höheren Schwierigkeitsgraden schnell bestraft. Besonders gelungen finde ich dabei, wie viele Möglichkeiten euch das Spiel lässt, um auch aus brenzligen Situationen noch das Beste herauszuholen. So könnt ihr Gegnern auf einigen Karten Hindernisse in den Weg werfen und ihnen so den Weg versperren. Hinzu kommen die bereits erwähnten Kämpfe in den Dungeons, die eher an klassische JRPGs erinnern und ohne das gewohnte Gitternetz auskommen. Diese sorgen zwar für zusätzliche Abwechslung, sind aber nicht wirklich der Rede wert. Insgesamt bleibt das klassische Kampfsystem die größte Stärke von „Fire Emblem: Fortune’s Weave“ und dürfte gerade Taktik-Fans viele Stunden lang begeistern.

Das hübscheste Fire Emblem

Optisch gibt es dagegen nichts zu kritisieren – sofern ihr was mit dem Anime-Stil anfangen könnt. Meinen Geschmack treffen die Charakterdesigns allemal. Auch sonst sieht das Game gut aus. Hier und da könnten die Umgebungstexturen etwas schärfer ausfallen, aber das sind meiner Meinung nach kleinere Mängel. Zudem bietet euch „Fire Emblem: Fortune’s Weave“ eine der besten musikalischen Untermalungen der gesamten Reihe. Jede Hauptfigur hat sogar eine etwas abgewandelte Version des Hauptthemas.

Dietrich vor Colosseum
Fire Emblem Fortune’s Weave besticht mit einem schönen Look.

Auch die Kampfanimationen sehen super aus und laufen flüssig. Schade nur, dass mehr als 30 FPS nicht drin sind. Immerhin bleibt die Bildrate weitgehend stabil, sodass es auch in größeren Schlachten nicht zu störenden Rucklern kommt. Technisch mag „Fire Emblem: Fortune’s Weave“ damit zwar keine neuen Maßstäbe setzen, insgesamt hinterlässt die Präsentation aber einen wirklich gelungenen Eindruck. Vor allem die stimmige Kombination aus Grafik, Animationen und hervorragendem Soundtrack kann überzeugen. Erstmals dürft ihr das Schlachtgeschehen sogar mit der „Maus“ steuern, indem ihr zur Joy-Con-2-Maussteuerung wechselt.

Manchmal ist weniger mehr

„Fire Emblem: Fortune’s Weave“ ist riesig. Ich habe noch nicht alle Routen komplett durch, aber mein Eindruck bislang: Intelligent Systems hat nicht gekleckert, sondern geklotzt. Die typischen Kämpfe sind weiterhin das Highlight. Abseits davon gibt es viel zu tun. Was an sich ja eine gute Sache ist. Allerdings wurde hier meiner Meinung nach etwas übertrieben. Die Erkundung der Weltkarte ist noch lange nicht so spaßig wie der Rest des Games. Dennoch ist man einen großen Teil der Zeit genau dort unterwegs. Nach dem 20. Dungeon und dem 50. Mini-Kampf gegen ein paar Banditen geht dem Spiel an dieser Stelle die Luft aus.

„Fire Emblem: Fortune’s Weave“ beweist eindrucksvoll, dass mehr nicht zwangsläufig besser ist. Hinter all den Nebenaktivitäten und sich wiederholenden Dungeons steckt nämlich ein hervorragendes Strategie-RPG, das sich manchmal selbst im Weg steht. Wer sich darauf einlässt, bekommt dennoch eines der umfangreichsten Abenteuer der Reihe geboten. Für den nächsten Ableger dürfte Intelligent Systems aber gerne wieder etwas kleinere Brötchen backen.

Aussehen17 / 20
Soundtrack18 / 20
Spielspaß16 / 20
Story17 / 20
Umfang17 / 20

The good

  • Grandiose taktische Kämpfe mit zahlreichen strategischen Möglichkeiten.
  • Komplexe Story mit mehreren Protagonisten und unterschiedlichen Routen.
  • Hübsche Anime-Optik und herausragender Soundtrack.

The bad

  • Zu viele repetitive Nebenaktivitäten und Dungeons.
  • Überladenes Gameplay, das den Spielfluss immer wieder ausbremst.

Bilder: Nintendo, Retro Gaming Crew

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