Im Internet versiegelte Kopien alter Videospiele anzukaufen, ist seit etwa einem Jahr schwer im Trend. Mittlerweile sehen sich die leidenschaftlichen Sammler einer Käuferschicht gegenüber, die Sealed Games eher als Investment betrachtet.

Im ersten Teil unseres Interviews hat Marcel Gloger alias Marci Gaming VGA vom Beginn seiner Sammelleidenschaft berichtet und eine allgemeine Einführung in das Grading von Videospielen gegeben. Warum der Markt für Liebhaber wie ihn in den zurückliegenden Monaten zusehends aus den Fugen geraten ist, erklärt er uns im zweiten Teil. Außerdem gehen wir mit ihm stärker in die Details des Spiele-Gradings.

Marcel, kaufst du heutzutage eigentlich nur noch Videospiele, um sie zu sammeln oder legst du auch manche wieder in die Konsole ein?

DS-Sachen kaufe ich nur noch als Sammler. Die alten Spiele gibt es ja heute auch alle als Download. Beim Sammeln geht es mir darum, die Spiele, die ich früher auf dem PC oder auf den Konsolen gespielt habe, jetzt im Regal stehen zu haben. Aus der „Call of Duty“-Reihe fehlen mir jetzt auch nur noch vier Titel.

Dazu muss man sagen: Ich sammle ja nicht nur irgendwelche Titel, um die Sammlung vollzukriegen. Mein Fokus liegt auf den ersten Produktionsauflagen, dem First Print. Will sagen: Kam das Spiel 2006 raus, dann habe ich auch die Auflage von 2006 und nicht eine von 2012. Bei den großen Nintendo-eigenen Titeln ist meine Sammlung auch fast voll. Für die elf Pokemon-Games, die mir noch fehlen, müsste ich in der ersten Charge um die 12.000 Euro zahlen.

Wie erkenne ich denn, aus welcher Charge ein bestimmtes Spiel stammt?

Das ist von System zu System unterschiedlich. Bleiben wir mal beim Beispiel Nintendo DS: Europäische Spiele haben eine rote Nintendo-Banderole ringsum. Amerikanische Spiele haben das nicht. Anhand dieses Streifens kann man erkennen, was die erste, die zweite und die letzte Produktionscharge ist. Bei den DS-Spielen sind die Nintendo-Schriftzüge beispielsweise der ersten Charge viel weiter auseinander, als jene der zweiten Charge. Die letzte Charge hat dann einen grauen Stripe. Je nach Einzelfall können auch schonmal zehn Jahre dazwischen liegen. Deswegen sind die Spiele aus der ersten Charge in der Regel deutlich wertvoller.

Das ist dann aber eine Eigenheit der DS-Spiele, richtig? Bei anderen Systemen kommen auch andere Merkmale zur Geltung.

Genau, deswegen muss man sich auch spezialisieren und kann nur in ein oder zwei Themen richtig gut sein. Wenn jemand behauptet, er habe von allem Ahnung, dann ist das Schwachsinn. Du kannst dich nicht in allem auskennen, dafür gibt es zu viele Einzelheiten, die man bei jedem System beachten muss. Also das entscheidet erstmal über die Wertigkeit des Spiels.

Dann kommt das Grading. Da stellt sich bei einem Sealed Game die Frage nach dem Zustand von Folie und Box. Beides wird separat bewertet und aus der Kombination ergibt sich die Gesamtnote. Hat die Folie Kratzer oder sogar kleine Risse und Löcher? Gibt es Verfärbungen an der Box, weil das Spiel im Schaufenster zu viel Sonne abbekommen hat? Ist es vielleicht mal über die Ladentheke gefallen und hat dabei eine kleine Macke bekommen? Eine 100er Bewertung hat keinen einzigen Makel. Gar nichts. Das ist dementsprechend selten.

Wie funktioniert denn die Bewertung bei WATA und VGA?

Bei VGA fängt es bei 10 an, das ist die schlechteste Bewertung. Dann geht es in 10er-Schritten hoch. Bei 75 beginnen die Silber-Bewertungen. Es geht dann in 5er-Schritten weiter und ab hier gibt es jede Note auch zusätzlich mit einem Plus versehen. 100 ist die beste Bewertung, die es gibt. Dafür muss das Spiel aussehen, wie frisch aus der Produktion, wenn die Produktion absolut clean abgelaufen ist. Ein 15 Jahre altes Spiel hat viel erlebt. Eine gute Bewertung zu bekommen, ist daher sehr schwierig. War einer der Besitzer mal Burger essen und hat mit dem fettigen Daumen auf die Folie gelangt, kann man eine Spitzenbewertung schon vergessen.

WATA hat da ein ganz anderes Bewertungssystem. Das darf man nicht durcheinanderwerfen. Eine 9,0 bei WATA ist nicht gleichbedeutend mit einer 90 bei VGA. Wer wissen möchte, wie man das in etwa „umrechnen“ kann, dem empfehle ich die entsprechenden Videos auf meinem Kanal. Das ist nämlich zu komplex, um es hier zu erklären.

VGA bot früher auch den sogenannten „Population Report“ an. Das war eine Art Datenbank, in der man sehen konnte, wie oft ein bestimmtes Game gegradet wurde. Fand ich immer sehr praktisch und man munkelt, dass das vielleicht bald wieder kommen soll.

Wo findest du eigentlich deine Sealed Games?

Meine Hauptquelle ist Ebay. Allerdings ausdrücklich nicht Ebay Kleinanzeigen, mit dieser App habe ich wirklich keine guten Erfahrungen gemacht. Den einen oder anderen Fund habe ich auch durchaus schon in den Elektro-Abteilungen der einschlägigen Drogerie- und Kaufhausketten gemacht, also ganz Oldschool. Ein bestimmtes Forum, das ich ständig konsultiere, habe ich nicht. Es gibt da diese Facebook-Gruppe „Sealed Game Heaven“, aber wer nutzt heute schon noch regelmäßig Facebook? Deshalb habe ich auch meinen Discord gestartet, hier herrscht regelmäßiger Austausch für diverse Systeme.

In den vergangenen Monaten ist ja einiges an Dynamik in den Markt für Sealed Games und VGAs gekommen…

Das kann man wohl sagen. Seit etwa einem Jahr ist das so und als Ursprung lässt sich eben auch hier das besagte Video von Monte ausmachen. Der hat von dieser unglaublichen Wertsteigerung seines VGAs berichtet und seitdem sind hunderte auf die Idee gekommen, mit Sealed Games eine schnelle Mark zu machen. Diese sogenannten „Reseller“ kaufen dann alles auf und das macht es Sammlern wie mir natürlich extrem schwer.

Wie ist das Verhältnis zwischen Sammlern und Resellern? Nehmen wir da mal deinen Discord als repräsentatives Feld.

Ich würde sagen, etwa 50/50.

Was hältst du denn von der Idee, alte Games nur als Wertanlage zu kaufen?

Das muss jeder so machen, wie er es meint. Aber ich glaube: Wenn man sein Geld gewinnbringend anlegen will, dann gibt es wirklich viele sinnvollere Asset-Klassen als Sealed Games. Die meisten Reseller unterschätzen, wie sehr man sich mit den Details der jeweiligen Systeme auskennen muss, um ein Wertsteigerungspotenzial kompetent einschätzen zu können. Das habe ich ja vorhin am Beispiel der DS-Spiele erklärt. Sieh mal: Ich beschäftige mich jetzt schon eine Weile und intensiv mit Sealed Games, trotzdem kenne ich mich gerade mal mit zwei, vielleicht drei Systemen aus. Das ist einfach kein No-Brainer, bei dem man blind auf „kaufen“ klickt und der Reichtum dann von alleine kommt.

Danke für die klaren Worte! Dann mach doch abschließend mal eine Prognose: Wird die Entwicklung so weiter gehen und die Preise durch steigende Nachfrage und weniger Angebot weiter in die Höhe schießen?

Ich denke, der Markt wird sich von alleine wieder regulieren. Wer weiß, wie langfristig bei der breiten Masse das Interesse an physischen Konsolenspielen bestehen bleibt. In ein paar Monaten liegt dann vielleicht wieder etwas anderes im Trend. Aber die Liebhaber werden beim Sammeln bleiben.

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